28. Nov

Vertikale Stadt

Menschlicher Maßstab in Klinker

veröffentlicht am 28.11.2019 um 12:50 Uhr / von Katharina Remke

Eine neue Landmarke für die russische Metropole Moskau. Mit dem Projekt Vander Park entwarf das Büro de Architekten Cie. einen Wohnkomplex im westlichen Bezirk Kunzewo als ein städtebauliches Ensemble aus unterschiedlichen Türmen. Von einem sechs Meter hohen Sockel erheben sich acht Türme, die in Farbe und Struktur in Kontrast zueinander stehen. Dadurch ergibt sich ein Bild einer vertikalen Stadt. Das Architekturbüro differenzierte die Wohnblöcke unter anderem durch einen cleveren Mix unterschiedlicher Hagemeister-Sortierungen an den Fassaden.

 

Großformatig, kompakt und stark verdichtet: Das erste Moskauer Projekt des niederländischen Büros de Architekten Cie. umfasst etwa tausend Wohnungen, dicht geballt auf einem relativ kleinen innerstädtischen Grundstück. „Ein Fußabdruck von lediglich 2,4 Hektar bedeutet für ein Projekt wie dieses automatisch, kompakt und in die Höhe zu bauen. Um dabei den menschlichen Maßstab zu handhaben, näherten wir uns dem Komplex als städtisches Ensemble – nicht als einen geschlossenen Baublock rund um einen halböffentlichen Innenhof“, sagt Projektarchitekt Jan-Willem Baijense über Vander Park.

Menschliche Dimension

Die Architektur der Gebäude ist so konzipiert, dass multisensorische Erlebnisse entstehen und ein menschliches Maß erhalten bleibt. Das Architektenteam rund um Leiter Pero Puljiz teilte den Moskauer Appartmentkomplex in acht Wohnblöcke auf, die sich jeweils von einem Sockel erheben. Die Zusammenstellung der Türme ist in erkennbare segmentierte Volumen unterteilt, unterschieden nach Ziegelfarbe und Art der Fensteröffnungen. Daraus entsteht der Eindruck einer vertikalen Stadt. „Die acht Türme sind wegen der erforderlichen minimalen Tageslichtbeleuchtung gedreht, in kleinere Baukörper geteilt und mit verschieden farbigen Klinker gebaut. So entstand ein Komplex, der multiple Ansichten in sich vereint. Die Drehungen verleihen den Gebäuden stets ein anderes Aussehen, eine andere Skyline“, weiß Bajiense. Durch die einzeln versetzt angeordneten Blöcke entstehen auf den Etagen offene Terrassen.

Stadt in der Stadt

Das Ensemble ist als Quartier konzipiert. Die Gebäudemasse befindet sich entlang der Grundstücksgrenze, sodass sie in der Mitte einen offenen Raum mit Innenhof umgibt. Die Größe des Innenhofes innerhalb des Blocks beträgt fast die Hälfte der gesamten Grundstücksfläche. Auf dem Dach des Erdgeschosses befinden sich Gärten. Es fungiert zudem als eine Art Fußgängerzone. Auf diese Weise ist der Übergang zwischen Gebäude und Innenhof eher weich und alle Wohnungen im untersten Geschoss haben eine direkte Verbindung zum grünen Innenhof. Die Blocktypologie erfüllt zudem die Funktion einer klaren Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Wohnungen in den Türmen werden durch verschiedene Fensteröffnungen, die sich nach der Höhe der Gebäude und den Farben und Strukturen der Ziegelfassade richten, individuell gestaltet.

Qualitätsmerkmal Klinker

Die Menschen in Russland verbinden Ziegel mit Qualität. „Vom Beton und Stuckwerk, früher so bildbestimmend in der russischen Architektur, wendet man sich jetzt ab“, erläutert Jan-Willem Baijense. Dies war nur ein Grund, warum sich das Architekturbüro für den Baustoff Klinker als Fassadenmaterial entschied. „Da wir bei vielen unserer Projekte Ziegel verwenden, war es naheliegend, dies auch hier als Hauptfassadenmaterial zu wählen“, ergänzt der Architekt. Für die Gestaltung kamen sechs verschiedene Hagemeister-Sortierungen zum Einsatz, die sich in Textur und Farbe unterscheiden: Lübeck GT, Kopenhagen BA, Luca GT+FU, Weimar HS, Liverpool GT+FU und Woerden Alt GT. „Aus diesen Sortierungen entwickelten wir fünf Fassadenentwürfe mit je einer anderen Mauerwerksumsetzung. Dadurch entsteht eine sehr reiche Fassade. Aufgrund der Härte des Klinkers behält dieser über Jahrhunderte seine Farbe, Textur und Qualität und das Gebäude trägt zu einer nachhaltigen Straßenansicht bei“, so Baijense. Unter den fünf Standardfassaden gibt es auch zwei Lösungen für die Sockelleiste: eine mit Erkern und eine mit mehr Tektonik. Eine Fassadenansicht ist etwas detaillierter durch das Mixen von Sortierungen und Farben sowie dank des vertikalen Mauerwerks und hervorstehenden Klinkerrelief. Baijense: „So haben wir auf Fußgängerniveau mehr Textur realisiert. Auch daraus lässt sich die Bedeutung des menschlichen Maßstabs in diesem Projekt ablesen.“

Längliches Format

Das Mauerwerk in Vander Park ist auf traditionelle Weise verarbeitet worden. Für de Architekten Cie. war es das erste Mal, dass sie so lange, schmale Klinker (290 mm Längenmaß) genutzt haben. „Was wir vorher nicht bemerkt haben, ist, dass die Verbindungen zwischen den Ziegeln bei dieser Größe fast irrelevant sind. Alles, was man sieht, ist die Ziegelstruktur.“

Alle anderen Fassadenmaterialien wurden so gewählt, dass sie den Ziegel als dominantes Fassadenmaterial unterstützen und nicht mit ihm konkurrieren.

Der Entwurf von de Architekten Cie. wurde mit dem Urban Design Award 2018 ausgezeichnet.

Projektdaten

Architektur: de Architekten Cie., Amsterdam
Auftraggeber: PIK Group., Moskau
Partner: Pero Puljiz
Projektarchitekt: Jan-Willem Baijense
Generalunternehmer: Boes Construction, Moskau
Klinker: Lübeck GT, Kopenhagen BA, Luca GT+FU, Weimar HS, Liverpool GT+FU, Woerden Alt GT
Format: SF (290 x 90 x 65 mm)
Verklinkerte Fassadenfläche: ca. 28.000 m²



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    Jan Krause
    Gebürtiger Hamburger, geprägt von der Klinkerarchitektur der Speicherstadt, aufgewachsen in einem gelben Klinkergebäude (war in der 1960ern sehr modern, vgl. Grindelhochhäuser von Bernhard Hermkes), fasziniert von der Klinkervielfalt internationaler Architekturerkundungen in Venedig, Mexiko, Kuala Lumpur, New York und Shanghai, leitet den Masterstudiengang Architektur Media Management AMM an der Hochschule Bochum und betreibt Architekturvermittlung mit seinem office for architectural thinking in Berlin.
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    David Jan Wilk
    ■ Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Promotionsstudent - Lehrstuhl Grundlagen und Theorie der Baukonstruktion - TU Dortmund ■ Fritz-Höger-Preis für Backsteinarchitektur 2020 ■ Ausbildereignungsprüfung der HWK Dortmund 2019 ■ Freiberufliche Tätigkeit als Architekt seit 2018 ■ Master-Abschluss Juni 2018 ■ Jahrgangsbester im Bachelorstudiengang 2015 ■ Stipendiat im Deutschlandstipendium 2014 - 2017

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