07. Jul

Next Destination Klinker: Sehnsucht nach Sinnlichkeit

veröffentlicht am 07.07.2022 um 8:48 Uhr / von Prof. Jan Krause

„Das scheinbar Sekundäre, die […] Oberfläche […] ist das Primäre“. Diese Aussage Gottfried Sempers aus seinem Werk „Der Stil“ scheint heute so aktuell wie vor 160 Jahren. Gerade in Zeiten digitaler Transformation wächst die Sehnsucht nach einer neuen Sinnlichkeit. Der Begriff „Oberfläche“ ist dabei keineswegs oberflächlich zu verstehen, sondern von allergrößter Relevanz. Es geht um die Beschaffenheit der Fläche. Es geht um Materialität und Authentizität. Es geht um Haptik und um Berührung. Denn das Ziel jeder Architektur ist die Raumwahrnehmung mit allen Sinnen.

Vor diesem Hintergrund erlebt ein Jahrtausende alter Baustoff eine sinnliche Renaissance: der Ziegel mit seiner Einfachheit und Handwerklichkeit, mit seiner Feinheit und Rohheit, mit seiner Präzision oder Unperfektion eröffnet variantenreiche Möglichkeiten, die Sinne zu beleben und Architektur und Stadt zu einem einzigartigen Raumerlebnis zu machen.

Ist das nur sentimentale Schwärmerei, Nostalgie oder gar „retro“? Die Digitalisierung hat uns gezeigt, dass alles, was vorstellbar ist, auch realisierbar ist. Ganze Häuser lassen sich aus dem 3D-Drucker drucken. Jegliche Formgebung ist denkbar. Jedes Oberflächendesign lässt sich auf jedes Material applizieren. Keramikfliesen in Holzoptik, Tapeten in Ziegeloptik, Putzfassaden in Betonoptik – alles ist möglich. Aber ist all das auch sinnvoll? Oder besser gefragt: ist das wirklich sinnlich? Das Auge mag sich täuschen lassen. Aber bei der Berührung wird jede dieser Täuschungen zur Enttäuschung – im wahrsten Sinne des Wortes. Wärme, Weichheit oder Härte, Struktur und Textur sind tastbar. Mit der Sensorik unseres Tastsinns lässt sich das Echte erspüren, der Unterschied zwischen Original und Fälschung in Bruchteilen von Sekunden entlarven. Interessanterweise kommt der Begriff „Digital“ vom lateinischen Wort für Finger: Digitus. Mit einem Fingerwisch navigieren wir durch den digitalen Raum. Mit Fingerspitzengefühl erspüren wir zugleich die sinnlichen Qualitäten der analogen und materiellen Welt. In jeder Fingerkuppe befinden sich etwa 700 Berührungs- und Druckrezeptoren. Dieses Potenzial gilt es wieder zu entdecken, für eine sinnliche Architektur wieder zu nutzen.

Der Tastsinn ist die Vereinigung von Oberflächensensibilität und Tiefensensibilität. Wie kaum ein anderes Material bedient der Ziegel diese beiden Sensibilitäten: Denn neben menschlichem Maß und Proportion, neben Farbe, Form, Format und Fügung spielt die Dreidimensionalität der Fläche eine besondere Rolle. Diese spezifische Oberflächenbeschaffenheit von Ziegeln entfaltet eine bemerkenswerte Tiefenwirkung und wird selbst zu einem räumlichen Erlebnis.

In Zeiten, in denen alle Baustoffe, Bauweisen und Bausysteme auf den ökologischen Prüfstand gestellt werden, in denen statische, konstruktive und bauphysikalische Zielwerte die Rahmenbedingungen formulieren und in denen über umfangreiche Kriterienkataloge Nachhaltigkeitsaspekte messbar und vergleichbar gemacht werden, erfährt die Sinnlichkeit der Oberfläche eine neue Bedeutung. Ganz im Semperschen Sinne: „Das scheinbar Sekundäre, die […] Oberfläche […] ist das Primäre“. Das haptische Erlebnis wird zu einem entscheidenden Faktor für die Bewertung von Materialqualitäten in der Architektur. Berühren wir die Materialien, die wir verwenden. Und: Lassen wir uns (wieder) berühren von den Materialien – mit allen Sinnen.



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    David Jan Wilk
    ■ Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Promotionsstudent - Lehrstuhl Grundlagen und Theorie der Baukonstruktion - TU Dortmund ■ Fritz-Höger-Preis für Backsteinarchitektur 2020 ■ Ausbildereignungsprüfung der HWK Dortmund 2019 ■ Freiberufliche Tätigkeit als Architekt seit 2018 ■ Master-Abschluss Juni 2018 ■ Jahrgangsbester im Bachelorstudiengang 2015 ■ Stipendiat im Deutschlandstipendium 2014 - 2017

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