15. Apr

NEXT Destination Klinker: 3xF – Form, Farbe, Fuge

veröffentlicht am 15.04.2021 um 9:36 Uhr / von Prof. Jan Krause

Seit Louis Sullivan den berühmten Satz „form follows function“ geprägt hat, ist diese „3F-Formel“ zur wahrscheinlich einflussreichsten in der modernen Architektur geworden. Was aber hat das mit Klinker zu tun? Auch die Klinkerkultur lässt sich in einer 3F-Formel zusammenfassen: „Form, Farbe, Fuge“. Zwischen der Sullivan-Formel und der Klinker-Formel scheint es eine enge Verbindung zu geben. So ist es wohl kein Zufall, dass Klinker zu Sullivans bevorzugten Baumaterialien gehörten. Meisterhaft zelebrierte er die Kunst des Mauerwerks. Er verstand es, die konstruktive Ästhetik des Schichtens und Fügens mit ornamentalen Terracotta-Applikationen zu überlagern. Mit seiner ganz eigenständigen Architektursprache gelang es ihm, eine traditionelle Technologie auf die neue Typologie des Hochhauses zu übertragen.

Die Kunst der Fuge: Kräftige Lagerfuge, minimalistische Stoßfuge

Wirft man einen Blick auf die aktuelle Architekturentwicklung, so scheinen Klinker, Ziegel und Backstein eine regelrechte Renaissance zu erleben. Ganz im Sullivanschen Sinne entfalten diese Klinkerarchitekturen eine neue skulpturale Kraft. International und generationenübergreifend sind Architekten dabei, die Formenvielfalt, die natürliche Farbigkeit und die Kunst der Fuge neu zu entdecken. Architektur ist materialisierte Idee in 3D. Die Formbarkeit des einzelnen Steins, die Sinnlichkeit der Manufaktur und die Perfektion des industriellen Herstellungsprozesses beflügeln die Fantasie.

Neue Freude an der Form: Plastizität und Transparenz. Humboldt-Gymnasium, Köln. Architekten: Numrich Albrecht Klumpp

Die Form wiederum ist untrennbar mit Oberfläche, Textur und Farbe verbunden. Vom klassischen Ziegelrot über Braun und Beige bis hin zu dem von Architekten so geliebten Grau und Anthrazit bieten Klinker alle Farbnuancen, die für eine Fassade relevant sind. Von besonderer Faszination ist dabei, wie der Werkstoff Ton im Brennprozess seine Farbe verändert und doch seine charakteristische natürliche Farbigkeit behält. Fast manieristisch wird es, wenn auch die Mörtelfuge eingefärbt wird. So kann der Eindruck wahrhaft monolithischer Architektur erzeugt und gleichzeitig die Komplexität und Präzision des Gesamtgefüges veranschaulicht werden.

Verbindung von Farbe und Textur: Weiß-hellbeige Klinker mit natürlicher Handstrichoptik. Fritz Henssler Berufskolleg, Dortmund. Architekten: SSP AG

Die 3F der Klinkerarchitektur – Natürlichkeit der Farbe, Ehrlichkeit der Fügung und Vielfalt der Form – eröffnen ein gestalterisches Potenzial, das Solidität, Expressivität und sogar Transparenz ermöglicht. Diese Entwurfsoptionen stehen keineswegs im Widerspruch zu Sullivans 3F-Formel. Sein berühmtes Diktum "form follows function" darf nicht zu dem Schluss führen, dass ein Design eine rein mechanistische visuelle Aussage über den Nutzen sein sollte. Vielmehr glaubte Sullivan, dass Architektur sich aus der Umgebung entwickeln und diese Beziehung zum Ausdruck bringen muss, zusätzlich zu ihrer besonderen Funktion und ihrer strukturellen Grundlage. Vermutlich hätte er heute seine Freude an der zeitgenössischen Klinkerarchitektur und würde seine Formel mit Blick auf das kreative Potenzial vielleicht umformulieren in „form follows fantasy“. Sein letztes Büro hatte er übrigens in einer Terracotta Company. Soweit kann die Leidenschaft zu einem Material gehen. Hier schrieb er „The autobiography of an idea“, die eine Woche bevor er starb erschien. Lesenswert!

Präzise gefügter Monolith: Eingefärbte Mörtelfuge



Unsere Autoren

  • Marcel Lohmann
    Marcel Lohmann
    Marketingleiter, Hagemeister
  • Heike Thelen
    Heike Thelen
    freie Redakteurin
  • Dr. Christina Hagemeister
    Dr. Christina Hagemeister
    Geschäftsführerin, Hagemeister
  • Stefanie Kamphues
    Stefanie Kamphues
    Redaktions-Team
  • Dr. Dieter Figge
    Dr. Dieter Figge
    Sachverständiger. Ziegel-Fachverband
  • Simone Müller
    Simone Müller
    Redakteurin
  • Matthias Herking
    Matthias Herking
    Redaktions-Team
  • Isabell Reinecke
    Isabell Reinecke
    Redakteurin
  • Dorota Wilke
    Dorota Wilke
    Redakteurin
  • Koen Mulder
    Koen Mulder
    freier Redakteur
  • Katharina Remke
    Katharina Remke
  • Jan Krause
    Jan Krause
    Gebürtiger Hamburger, geprägt von der Klinkerarchitektur der Speicherstadt, aufgewachsen in einem gelben Klinkergebäude (war in der 1960ern sehr modern, vgl. Grindelhochhäuser von Bernhard Hermkes), fasziniert von der Klinkervielfalt internationaler Architekturerkundungen in Venedig, Mexiko, Kuala Lumpur, New York und Shanghai, leitet den Masterstudiengang Architektur Media Management AMM an der Hochschule Bochum und betreibt Architekturvermittlung mit seinem office for architectural thinking in Berlin.
  • David Jan Wilk
    David Jan Wilk
    ■ Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Promotionsstudent - Lehrstuhl Grundlagen und Theorie der Baukonstruktion - TU Dortmund ■ Fritz-Höger-Preis für Backsteinarchitektur 2020 ■ Ausbildereignungsprüfung der HWK Dortmund 2019 ■ Freiberufliche Tätigkeit als Architekt seit 2018 ■ Master-Abschluss Juni 2018 ■ Jahrgangsbester im Bachelorstudiengang 2015 ■ Stipendiat im Deutschlandstipendium 2014 - 2017

Blogarchiv

Blogroll

Tags

Architekt Architektur Architektur Außenschale Backstein Backsteinarchitektur Baustoff Berlin Chilehaus Dehnungsfugen Den Haag DIN Fassade Form Formklinker Fritz-Höger-Preis Gebäudehülle Gent Grafiker Hagemeister Hamburg Jan Peter Wingender Jazzsingel Klinker Klinkerarchitektur Klinkermauerwerk Klinkerwerk konstruktiv Kunst Langlebigkeit Maler Mauerwerk Mauerziegel Mies van der Rohe Nachhaltigkeit Neubau Pflasterklinker Technik Tektonik Utrecht Werke Wärmedämmung Ziegel Ziegelmauerwerk zweischalige Wand
zum Seitenanfang