14. Apr

Kunst in allen Disziplinen

PETER BEHRENS (*14. APRIL 1868 IN HAMBURG; †27. FEBRUAR 1940 IN BERLIN)

veröffentlicht am 14.04.2015 um 14:40 Uhr / von Simone Müller

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Architekt Peter Behrens, um 1913. Fotografie von Waldemar Titzenthaler

Der Begriff „Industriedesign“ ist in der heutigen Zeit eine von vielen genutzte Beschreibung für die Gestaltung von Alltagsgegenständen. Wer diesen Begriff aber maßgeblich geprägt hat und für die Entwicklung und Verbreitung dieser Kunstform verantwortlich ist, wissen nur wenige. Peter Behrens, geboren im Jahr 1868 in Hamburg, war Architekt, Maler, Grafiker, Designer, Typograf und Erfinder der ersten Corporate Identity. Die Architektur brachte sich das Universaltalent autodidaktisch bei und überzeugte mit eindrucksvollen Entwürfen und Bauten. Immer wieder griff Behrens auf Klinker als prägendes Fassadenmaterial zurück, so auch beim Bau des Hauptlagerhauses der Gutehoffnungshütte in Oberhausen oder dem Technischen Verwaltungsgebäude der Hoechst AG in Frankfurt. Mit seinen Arbeiten inspirierte er namhafte Künstler und war unter anderem Lehrer renommierter Architekten, wie zum Beispiel Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier.

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Der Sohn einer Gutsbesitzerfamilie begann seine Karriere im Jahr 1885 mit dem Studium der Malerei an den Kunstakademien in Karlsruhe, Düsseldorf und München. Nach dem Ende seines Studiums blieb Behrens 1892 in München und machte sich als Maler selbstständig. Diese Zeit war besonders prägend für seine weitere Laufbahn, da München zu dieser Zeit als anerkanntes Zentrum der Jugendstilbewegung galt. Behrens heiratete Lilly Krämer im Jahr 1899, kurz bevor er eine Berufung an die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe erhielt. Im Rahmen der Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ stellte er sein erstes architektonisches Werk, das Wohnhaus Behrens, vor. Und das, obwohl er sich erst seit kurzer Zeit mit der Architektur beschäftigte. Von Seiten zahlreicher Fachleute hagelte es Kritik, da sie sich an seiner autodidaktischen Stärke störten. Zum Erstaunen seiner Kritiker erfüllte er die bauliche Aufgabe auf hohem Niveau, sein Wohnhaus machte nicht den Anschein eines Erstlingswerkes. Behrens entgegnete ihnen:

„Sie ärgern sich, jene falsche Propheten, daß sie nicht recht behielten mit ihrer Weisheit: es wird keinen neuen Stil in der Kunst geben, nie wird es ihn geben, er muß sich aus dem Alten ergeben, man kann ihn nicht erfinden. […] Darum werden wir einen neuen Stil haben, einen eigenen Stil in allem, was wir schaffen.“

Im Jahr 1902 trat Behrens seinen Dienst als Direktor der Kunstgewerbeschule Düsseldorf an. Die Arbeit war für den 34-Jährigen zu Beginn schwierig, da die Düsseldorfer Kunstszene von der Akademie dominiert wurde und viele Fachleute kaum Verständnis für Behrens gestalterische Auffassung hatten. Sein wichtigster Unterstützer zu dieser Zeit war Karl Ernst Osthaus, Direktor des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe. Über ihn bekam er den Auftrag der Delmenhorster Linoleum-Fabrik AG, für die er das erste Corporate Design, in Form von Briefbögen, Plakaten und Broschüren, entwickelte. In diesen Jahren widmete sich Behrens vermehrt der Typografie und entwarf unter anderem bekannte Schriftarten wie die „Behrens Antiqua“ und die „Behrens-Schrift“. Den Schriftzug „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ am Berliner Reichstagsgebäude von Paul Wallot entwarf er in Kooperation mit Anna Simons im Jahr 1908.

 

Mit seinen berühmten Mitarbeitern, wie Mies van der Rohe, Walter Gropius oder Le Corbusier, ließ sich Behrens 1907 in Berlin als

selbstständiger Architekt nieder. Zu dieser Zeit wurde er zum Künstlerischen Beirat der AEG berufen. In der Folgezeit übernahm er fast alle gestalterischen Aufgaben im Unternehmen, also

Werbeprospekte, einzelne Produkte sowie Entwürfe und Planungen für Fabrik- und Verwaltungsgebäude. Damit prägte Behrens das Erscheinungsbild des gesamten Unternehmens

und sorgte für eine rasante Entwicklung des Industriedesigns. Später sagte er:

„Diese Neubelebung der angewandten Künste ist eines der erfreulichsten Zeichen für die ästhetische Schaffenskraft unserer Zeit. Um so bedauerlicher ist es, daß die beiden wichtigen Interessengebiete, das der Kunst und der Technik, unbeeinflußt nebeneinanderliegen und durch diesen Dualismus unsere Zeit nicht die Einheitlichkeit in ihrer Formerscheinung gewinnt, die die Bedingung und das Zeugnis zugleich für den

Stil ist.“

Die architektonischen Leitsätze, nach denen Behrens seine Entwürfe gestaltete, hielt er im Jahr 1918 in seiner Schrift „Vom sparsamen Bauen“ fest. Grundtenor hierbei ist die Vorgabe mit preiswerten aber robusten Materialien zu arbeiten. Klinker war einer jener Baustoffe, zu denen sich der Architekt immer wieder hingezogen fühlte. Behrens nutzte das Material beim Bau des Zentrallagers und Verwaltungsgebäudes der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Backsteinbauten sind in Westdeutschland weit verbreitet. Im Industriebau galt der Ziegel als besonders widerstandsfähig gegen die aggressive Industrieluft, weshalb er oft zum Einsatz kam. Damals wie heute war der Ziegel für seine Eigenschaft beliebt, lange Zeit ein wertiges Aussehen zu behalten. Behrens wählte für das Gebäude ein Sonderformat mit den Maßen 300 x 140 x 68 mm und 300 x 73 x 68 mm. Dieses Format war vor allem im Mittelalter beliebt und ist mit dem heutigen „Klosterformat“ verwandt.

Behrens nutzte die gestalterischen Möglichkeiten des Klinkers eher dezent. Er verzichtete auf die übliche Reliefbildung aus vor- und rückspringenden Steinschichten oder teppichartigen Mustern im Verband.

Das von Behrens gestaltete Gebäude für die Farbwerke Höchst bei Frankfurt wurde am 6. Juni 1924 eingeweiht und als „Juwel der Industriearchitektur“ gepriesen. Als Paradebeispiel für den Backsteinexpressionismus misst die Kombination aus „Turm und Brücke“ eine Länge von 185 Meter. Behrens nutzte verschiedenfarbige Backsteine, um die einzelnen Gebäudekomplexe zu gliedern. Damit brach er die Massivität der imposanten Fassade auf und sorgte für Abwechslung im Erscheinungsbild. Die Fenster liegen tief im Mauerwerk. Insgesamt wirkt das Gebäude wie eine Festung mit einem markanten Turm und einer Verbindungsbrücke, die an eine mittelalterliche Zugbrücke erinnert. Damit strahlt der Komplex Schutz und Langlebigkeit aus. Die verwendeten Ziegel changieren in ihrer Farbigkeit und verleihen dem Bau Struktur und Eleganz. Dennoch ist die Summe der verschiedenen Gebäudeteile stets dezent und entspricht Behrens‘ Verständnis vom sparsamen Bauen.

Industriepark Höchst Blick von Westen in die Brüningstraße auf den Behrensbau mit Brücke und Turm

Industriepark Höchst
Blick von Westen in die Brüningstraße auf den Behrensbau mit Brücke und Turm: By Eva K. (Eva K.) [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html) or FAL], via Wikimedia Commons

Behrens gilt bis heute als ein herausragender Künstler. Mit der Verbindung zahlreicher Disziplinen gelang es ihm aus alten Traditionen neue Trends zu schaffen und das scheinbar Selbstverständliche in seiner Gestaltung zu etwas Einzigartigem zu machen. Er ist Vorbild und Inspiration für viele nach ihm kommende Künstler, Architekten und Industriedesigner. Speziell seine Wertevorstellung des sparsamen Bauens ist bis heute relevant und prägte zahlreiche Bauten sowie das Industriedesign.



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