03. Sep

Amsterdamer Schule

Geschwungene Linien aus Backstein

veröffentlicht am 03.09.2014 um 10:51 Uhr / von Simone Müller

Foto 4Unverkennbar ist der vielseitige Einsatz von Ziegelsteinen, die das Markenzeichen der Amsterdamer Schule sind. Die Stilrichtung der klassischen modernen Architektur prägt heute maßgeblich das Stadtbild von Amsterdam. Verschiedenen Backstein-Arten gliedern die Fassaden optisch. So wirken sie weniger massiv und erscheinen dynamischer. Bekanntester Vertreter des „Backsteinexpressionismus“, der seinen Höhepunkt zwischen 1910 und 1930 erlebte, ist Architekt Michel De Klerk. Mit seinem Werk „Het Schip“, zu Deutsch „Das Schiff“, verewigte er sich im Stadtbild. Die Amsterdamer Schule ist untrennbar mit dem sozialen Wohnungsbau verbunden. Die Gebäude erfüllen aber weit mehr, als den reinen Zweck der Wohnraumgewinnung.

Ziegelsteine sind das elementare Material der Amsterdamer Schule. Diese wurden häufig in runden Formen angeordnet und mit dekorativen Steinarbeiten, Bleiglasfenstern oder schmiedeeisernen Verzierungen kombiniert. Mit Hilfe unterschiedlicher Klinkersorten entstanden aufwendige Muster und plastische Reliefs. Die Schaffung einer ganzheitlichen Gebäudearchitektur innen und außen war erklärtes Ziel der Architekten.

„Die Amsterdamer Schule hat wunderschöne Backsteinarbeiten hervorgebracht. Damals war das Mauern noch eine Kunst.“ Marc Koehler, Architekt

Neben Michel de Klerk sind Johann van der Mey und Piet Kramer die bekanntesten Vertreter der Amsterdamer Schule, die bis 1910 gemeinsam im Büro von Eduard Cuypers arbeiteten. Vorbild und Bezugsperson, an die sich die ästhetischen Ziele der Architekten anlehnen, war Hendrik Petrus Berlage, dessen Architektur oft als Traditionalismus bezeichnet wird. Inspiration kam aber auch von Antoni Gaudi, der als Begründer der internationalen expressionistischen Architektur gilt. Auch Gaudis Gebäude zeichneten sich durch detailreiche Fassaden und geschwungene Formen aus.

Künstlerische Einheit erhalten

Als eine der ersten Städte zur damaligen Zeit, erließ die Stadt Amsterdam im Jahr 1905 eine Bauverordnung. Johan van der Mey erhielt dabei eine besondere Position: als Ästhetischer Berater sollte er die künstlerische Einheit der Stadt sicherstellen. Das „Scheepvaarthuis“, welches nach einem Entwurf van der Meys in den Jahren 1913 bis 1916 entstand, ist der Prototyp des Backsteinexpressionismus. Gemauerte Muster, Ziergiebel, Kunstglas, Schmiedearbeiten, Reliefs und Skulpturen aus Granit und Marmor ergänzen den Backsteinbau und sind typische Elemente der Amsterdamer Schule.

(Das "Het Schip" im Viertel Spaarndammerbuurt ist das bekannteste Beispiel für die Amsterdamer Schule.)

(Das „Het Schip“ im Viertel Spaarndammerbuurt ist das bekannteste Beispiel für die Amsterdamer Schule.)

Mit „Het Schip“ hat sich Michel de Klerk im Amsterdamer Stadtviertel Spaarndammerbuurt verewigt. Seinen Namen „Das Schiff“ erhielt der Ziegelbau aufgrund seiner Form, die an einen Rumpf erinnert. Bis heute ist „Het Schip“ das bedeutendste Beispiel der expressionistischen Stilrichtung. Ende des 19. Jahrhunderts entstand Spaarndammerbuurt als Arbeitersiedlung. Das Gebäude beinhaltet 102 Wohnungen, eine Grundschule und ein Postamt. Heute beherbergt „Het Schip“ unter anderem ein Museum über die Amsterdamer Schule. Besucher können eine vollständig renovierte Wohnung besichtigen, die den sozialistischen Wohnstandards aus der damaligen Zeit nachempfunden ist. De Klerks vorherige Bauwerke fielen vor allem durch ihren besonderen Klinker als Verblendmauerwerk auf. Optisch übertrumpft „Het Schip“ diese Gebäude jedoch und ist ein moderner, expressionistischer Prestigebau. Für die Umsetzung zahlreicher Reliefs und anderer Details war beim Bau die Unterstützung vieler Facharbeiter notwendig. Eine Fassadenseite besteht aus horizontal angelegten Ziegelsteinen, die eine Linie bilden. An anderer Stelle integrierte der Architekt eine Skulptur aus Backstein. Ein weiteres typisches  Merkmal für die Amsterdamer Schule ist ein gebogener Ziegel-Erker an einer Hausecke. Dieser wird von unten nach oben schmaler, weshalb er den Spitznamen „Zigarrenerker“ erhielt.

Vorbild moderner Entwürfe

Mit dem Tod von De Klerks im Jahr 1923 kam die Amsterdamer Schule ihrem Ende entgegen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sie von Architektenseite oft mit Ablehnung zu kämpfen. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Mittlerweile gilt die Architekturströmung als Vorbild moderner Entwürfe, vor allem im Bezug auf die Verwendung von Backsteinen als Erscheinungsbild prägendes Material.

Heute beinhaltet "Het Schip" neben Wohnungen auch ein Museum, das sich mit der Architektur der Amsterdamer Schule beschäftigt.)

Heute beinhaltet „Het Schip“ neben Wohnungen auch ein Museum, das sich mit der Architektur der Amsterdamer Schule beschäftigt.)



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