20. Aug

Geschichte des Klinkers Teil I

FRÜHE HOCHKULTUREN UND ANTIKE

veröffentlicht am 20.08.2015 um 13:44 Uhr / von Simone Müller / 0 Kommentare

Therme-RomOb Chinesische Mauer, Hagia Sophia in Istanbul oder Chilehaus in Hamburg: Ziegel sind seit den frühen Hochkulturen einer der wichtigsten Baustoffe der Menschheit. Die Baugeschichte hat unzählige Meisterleistungen hervorgebracht, die dank des langlebigen Materials noch immer erhalten sind. In unserer Blog-Reihe „Geschichte des Klinkers“ stellen wir den langen Weg von den ersten Lehm-Ziegeln bis zur heutigen Brennkunst des Klinkers vor. Im ersten Teil widmen wir uns den Urformen des Materials vor 12.000 Jahren bis zur Spätantike.

Die Herstellung und Verarbeitung des Ziegels lässt sich bis auf die Jungsteinzeit zurückführen. Vor 12.000 Jahren bauten die Menschen in Jericho, neben Holz, Stein und Pflanzenfasern, mit dem Vorläufer des gebrannten Ziegels. Dieser bestand aus luftgetrocknetem, ungebrannten Lehm. Man mischte das Material aus dem Erdreich mit Wasser und knetete die Masse von Hand in eine ungefähre, rechteckige Form. Nach dem Trocknen in der Sonne wurden die Steine zu dicken Mauern gestapelt und mit weiterem Lehm vermörtelt. Diese Bauweise hatte ausschließlich in sehr trockenen Gegenden Bestand, da häufiger Regen das Baumaterial aufweichen ließ.

RumänienIn Mesopotamien fertigten die Sumerer um 6.300 v. Chr. erstmals Ziegel mit glattgestrichener Form. Füllstoffe wie Sand, Stroh und Tierkot sorgten für zusätzliche Festigkeit. Sowohl einfache Häuser als auch Monumentalbauten der ersten Dynastien wurden mit dem Baustoff errichtet. Neu waren auch Ziegel in plankonvexer Form, die beispielsweise bei dem Bau der Zikkurats und Stadtmauern Babylons verwendet wurden.

Viel Erfahrung und ausgewählte Materialien

Erst 3.500 v.Chr. etablierte sich die Technik des Brennens. Der Herstellungsprozess war für die damalige Zeit extrem schwierig. Damit aus den getrockneten Lehmziegeln widerstandsfähige Mauerziegel wurden, mussten diese für eine gewisse Dauer bei konstanten Temperaturen um 1.000 °C in Öfen gebrannt werden. Wurden die Ziegel dabei zu heiß, sind sie geschmolzen. War die Temperatur zu niedrig, zerfielen die Steine, nachdem sie aus dem Ofen kamen. Hinzu kam, dass nicht jede Art von Lehm und Ton zum Brennen geeignet war. Nur mit viel Erfahrung gelang es, die richtige Materialauswahl zu treffen.

Backsteine waren in den frühen Hochkulturen besonders wertvoll und galten als Luxus-Material. Fundstücke aus der Zeit um 2.000 v.Chr. haben ergeben, dass man mit einer Silbermünze 14.400 luftgetrocknete Lehmziegel erwerben konnte, aber nur 504 gebrannte Ziegel. Die ersten optimal gebrannten Einhandziegel, in den Proportionen 1:2:4, entstanden erstmals um 2.800 v.Chr. in der damaligen Indus- oder Harappa-Kultur. Das bis heute gebräuchliche Format ist in alle Richtungen beliebig addierbar. Herausragendes Beispiel für den späteren Einsatz von Glasuren und Brenntechniken ist das Ischtar-Tor, das um 600 v. Chr. entstand und heute im Pergamonmuseum in Berlin zu sehen ist. Die Glasur in Blau und Gold wurde als Brei auf die Tonziegel aufgebracht und anschließend gebrannt.

Bauweise bis heute erhalten

Ab etwa 1.000 v.Chr. kamen Backsteine auch in der chinesischen Architektur zum Einsatz. Zu den bedeutendsten und wohl bekanntesten Bauwerken aus Ziegel und Stein gehört die Chinesische Mauer, die mit einer Länge von 6.350 Kilometern das größte Bauwerk der Welt ist. Die chinesischen Backsteinbauten sind durch den Verzicht auf Mörtel und die Errichtung von Hohlmauerwerken, die mit Schutt aufgefüllt wurden, gekennzeichnet. Dies war durch eine große Maßhaltigkeit der hergestellten Ziegel möglich. Die Prinzipien nach denen in China Backsteinhäuser errichtet werden, haben sich kaum verändert. Lediglich dekorative Details an den Fassaden haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt.

Chinesische-Mauer

Caracalla-Therme

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Zeit des römischen Reichs (8. Jahrhundert v.Chr. bis 7. Jahrhundert n.Chr.) wurde der begehrte Baustoff weiter perfektioniert. Ob Pantheon, Caracalla-Thermen oder Bürgerhäuser und Senatsbauten – Noch heute kann man die imposanten Gebäude mit den charakteristischen, dünnen Ziegeln in Rom besichtigen. Die Herstellung der Ziegel im römischen Reich lag in der Verantwortung spezieller Militäreinheiten, die sogenannte Feldziegeleien errichteten. Während ihrer Eroberungszüge durch Europa hinterließen diese Einheiten zahlreiche Bauwerke in den eingenommenen Gebieten. Die rasante Ausdehnung des römischen Reiches hatte eine ebenso schnelle Verbreitung der Ziegelherstellung zur Folge, die damals schon als regelrechte Ziegelindustrie bezeichnet werden konnte. In den eroberten Gebieten, von Europa, über Nordafrika und Vorderasien, etablierte sich die massive Bauweise und entwickelte sich konstant weiter. Die römischen Ziegel erhielten ihre hohe Qualität, da die Römer den Brennprozess immer weiter perfektionierten. Ihre Brennaggregate waren Meiler oder römische Ziegelöfen. Dieser bestand aus einem geschlossenen Brennraum und einem darunter befindlichen Feuerraum. Stroh, Schilf und brennbare Abfälle, hauptsächlich aber Holz, dienten als Brennstoffe.

Auch verschiedene Religionen trugen zu einer Ausdehnung bei. Buddhistische und muslimische Länder verliehen dem Ziegelbau jeweils individuelle Gestaltungsmerkmale in Form von Verbänden und Ornamenten. Imposante Beispiele sind die Tempel von Bagan in Myanmar aus dem 9. Jahrhundert oder die Sidi-Oqba-Moschee in Tunesien, die im Jahr 703 n.Chr. erbaut wurde.

Verblendung mit Ziegelsteinen begann in Rom

Bis 100 n.Chr. war es in Europa üblich, Backsteinfassaden hinter Putz zu verstecken. Erst im 2. Jahrhundert etablierten sich Ziegel vermehrt als dekoratives Gestaltungselement. Die Verkleidung von Betonmauern mit Ziegeln hat ihren Ursprung in Rom. Die Römer, als Erfinder der Betonmauer, verblendeten diese zunächst mit Tuffsteinen und anderem Gestein. Später dann verkleideten sie die Mauern mit Ziegeln. Die Konstantinbasilika in Trier aus dem 4. Jahrhundert gehörte zu den ersten großen Backsteinbauten in Deutschland. Ursprünglich war diese jedoch von außen verputzt und im Innenraum mit Marmor verkleidet.

Konstantin-BasilikaHagia-Sofia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Byzantinischen Reich und im Westen des Römischen Reichs entwickelte sich der Ziegelbau weiter. Ein Beispiel aus der Zeit um 537 n.Chr. ist die Hagia Sophia im heutigen Istanbul. Diese wurde vollständig aus Ziegeln erbaut und ist mit den für diese Epoche typisch schmalen Ziegeln und Fugen gekennzeichnet: Das Verhältnis von Ziegelhöhe und Fuge beträgt hier 1:1, die Steine sind 4 Zentimeter hoch und 32 bis 37 Zentimeter lang.

Der Ziegelbau ist eine der ältesten Bauarten der Menschheit. Von den frühen Anfängen mit ungebrannten Lehmziegeln, bis zur Spätantike hat der Baustoff eine beeindruckende Entwicklung hinter sich. Im nächsten Teil zur Geschichte des Klinkers erfahren Sie mehr über die Entwicklung des vielseitigen Materials, vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert.

 


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