04. Mai

Geschichte des Klinkers Teil 2

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert

veröffentlicht am 04.05.2016 um 11:01 Uhr / von Simone Müller / 1 Kommentar

Der Einsatz von Ziegel zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Bauwesens. Im ersten Teil unserer Blogreihe beschäftigten wir uns bereits mit den Urformen des Materials vor 12.000 Jahren bis zur Spätantike. Zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert erlebte die Klinkerarchitektur jedoch phasenweise Hoch- und Tiefpunkte: Mit der Backsteingotik hatte der gebrannte Ton um 1200 abermals an Bedeutung gewonnen. Die römische Kirche errichtete mithilfe des massiven Baustoffs imposante Gebäude. Während der Renaissance und dem barocken Zeitalter trat der Stein als sichtbares Element zunächst wieder in den Hintergrund. Mit der industriellen Revolution wurde der Brennvorgang mechanisiert und der Ziegel nahm erneut erheblichen Einfluss auf die Architekturgeschichte. Erstmals normten Richtlinien das Format der Steine.

Als im 5. Jahrhundert n. Chr. die römische Republik unterging, verschwand mit ihr auch das Material Backstein aus Nordeuropa. Während die traditionelle Bauweise in Italien weiter fortgeführt wurde, fehlten den Nordeuropäern erforderliche Technologien, die die römischen Truppen einst mitgebracht hatten. Jedoch hüteten einzelne Klöster in Deutschland und Frankreich das Wissen der Brennmeister, den sogenannten laterarii, über Jahre. Als um 900 in manchen Gegenden ein Baustoffmangel herrschte, wurden vereinzelte Ziegeleien wieder belegt. Durch wirtschaftliche Aufschwünge, insbesondere im Raum Hanse, sowie die Neugründung zahlreicher Abteien gewann der Backstein im 11. Jahrhundert wieder zunehmend an Bedeutung.

Die Entwicklung führte in eine neue Stilepoche, die Backsteingotik. Zahlreiche mächtige Sakralbauten  sind Zeugen dieser Zeit. Da es in Nordeuropa an Bauholz und Natursteinvorkommnissen fehlte, war besonders diese Region stark von Backstein geprägt. Man schätzte das Material für sein gutes Sorptionsvermögen, den daraus resultierenden Wärmeschutz sowie das angenehme Raumklima.

Ein prominentes Beispiel der Backsteingotik befindet sich in Lübeck. Die Marienkirche ist in den Jahren 1250-1350 errichtet worden und besitzt bis heute das höchste Backsteingewölbe der Welt. Ein weiterer imposanter Bau steht in Albi, Frankreich. Die Sainte-Cécile Kathedrale ist die größte Kathedrale der Welt. Mit ihrer Höhe und Massivität erscheint sie dem Betrachter wie eine Festung. 

Während der Stein im Mittelalter „wiederauflebte“, verlor er in der Renaissance und im Barock künstlerisch an Bedeutung. Im Sichtmauerwerk ließ sich Ziegel nur noch selten finden. Der Stein hatte eine tragende Funktion und wurde meist hinter Naturstein, Putz oder Stuck versteckt. Ein Beispiel dieser Zeit ist der Renaissance-Giebel der Bernhardinerkirche im litauischen Vilnius, der aus Backstein errichtet und im späten 16. Jahrhundert verputzt und rot angestrichen wurde. Zahlreiche barocke Schlösser sind mit Backstein errichtet und anschließend aufwendig verkleidet worden. Auch der etwa 100 Meter lange, imposante Wiener Neptunbrunnen im Schlosspark Schönbrunn besteht aus Ziegel. Kaiserin Maria Theresa ließ die 1780 fertiggestellte Anlage komplett mit Leithakalk überdecken.

Bis 1800 etablierte sich Sichtbackstein wieder in Europa. Besonders in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden wurde er von landestypischen Eigenheiten geprägt. In der deutsch-holländischen Baukunst waren beispielsweise Ziergiebel charakteristisch. Im französischen Klassizismus verarbeiteten Architekten Backstein und Naturstein gemeinsam. Nach dem großen Londoner Brand von 1666 hat man ein Gesetz erlassen, das ausschließlich massive Bauten in Stein zuließ. Damit sollte der Gefahr einer erneuten Katastrophe entgegen gewirkt werden. Hier wurde der Backstein aufgrund seiner Erschwinglichkeit gegenüber anderen Materialien bevorzugt. Generell hing die Wahl des Baumaterials häufig von der Länge des jeweiligen Transportweges ab. So waren steinarme Gegenden wie Norddeutschland stärker von Backstein geprägt als gebirgige Regionen mit vielen Naturstein-Vorkommnissen.

 

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Die Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert erfasste auch das traditionelle Ziegelwesen. Neue Technologien übernahmen die Handarbeit des laterarii. Mit dem Hoffmannschen Ringofen wurde der Brennprozess mechanisiert. Dieser erreichte Temperaturen bis zu 1200°C und brannte erstmals widerstandsfähigen Klinker. Arbeitsproduktivität, Qualität und Ausbeute stiegen aufgrund dieser Entwicklung enorm und der gebrannte Ton etablierte sich als Massenbaustoff. Dadurch entstand in weiten Teilen eine regelrechte Backstein-Neogotik. Ein Beispiel ist die Friedrichswerdersche Kirche von Karl Friedrich Schinkel. Zwischen 1824 und 1831 erbaut, war sie die erste neugotische Kirche Berlins.

Eindeutige Rückschlüsse auf das Alter eines Mauerwerks lassen die variierenden Steinformate zu: Vor dem 19. Jahrhundert existierte eine verwirrende Vielfalt an Formaten. Jedes Land, jede Region, jede Stadt, aber auch einzelne Ziegeleien hatten individuelle Steinmaße. Die meisten orientierten sich jedoch am sogenannten „Einhandformat“. 1793 wurde in der preußischen Verordnung erstmals ein Größt- und Kleinstmaß festgelegt. Eine zweite Verordnung folgte, die das mittlere preußische Format in den Abmessungen 261,5 x 126,2 x 65,3 mm festlegte. Trotzdem hielten sich weitere Varianten hartnäckig. Auch die größte Ziegelsteinbrücke der Welt ist durch ein ungewöhnliches Format geprägt: Die Göltzschtalbrücke befindet sich im sächsischen Vogtland und wurde 1851 fertiggestellt. Insgesamt verbauten Arbeiter über 6 Jahre täglich 50.000 Steine im Dresdener Format 300 x 145 x 72 mm. Seit der Industrialisierung wurden Werkstoffe auch über weite Strecken hinweg transportiert und Ziegel unterschiedlicher Herkunft für ein Projekt verwendet. Dadurch wuchs das Bedürfnis nach einem genormten Material. 1869 schlug Regierungsbaumeister Adolf Lämmerhirt ein für öffentliche Bauvorhaben festgelegtes Format in den Maßen 250 x 120 x 65 mm vor. Dieses sogenannte „Reichsformat“ erfolgte per Ministralbeschluss und wurde 1872 in Deutschland eingeführt.

Die Entwicklung des Backsteins vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert war durchwachsen: Immer wieder verlor und gewann das Material an Bedeutung. Dabei prägte es bis ins 19. Jahrhundert zahlreiche historische Bauten. Im nächsten Teil unserer Blogreihe „Die Geschichte des Klinkers“ erfahren Sie mehr über das Material vom 20. Jahrhundert bis in die Neuzeit.


Kommentare

  •  Mihajlov  am 10.11.2016 um 22:41 Uhr:
    Ich besuche viele Mussehen und frage mich immer noch, wie die das damals sowas bauen konnten.

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